Portfolio

G 2012 VIRA GAMBAROGNO

Figuren zwischen Geschichte und Modernismus

Kurt Laurenz Metzler begeistert immer wieder von Neuem mit innovativen Ideen. Der Reizüberflutung in der heutigen Zeit zum Trotz schafft er einzigartige Skulptu- ren, die sofort ins Auge fallen und im Ge- dächtnis bleiben. Auffallend sind seine Werke in erster Linie aufgrund ihrer zum Teil leuchtenden Farben, ihrer Grösse und der unterschiedlichen Arten von Materia- lien, die von der Antike bis zur Moderne reichen: Bronze und Marmor aus der Klas- sik, der rauhe Glanz des Eisens, das mo- derne Aluminium oder Polyester – ein aus unserem zunehmend kunststoffgeprägten Alltag nicht mehr wegzudenkendes Mate- rial. Die Farben und Materialien sind die augenfälligsten Ausdrucksmittel dieses Bil- dhauers, der es schafft, die sichtbare „äus- serliche“ mit einer unsichtbaren „inneren“ Komponente zu verbinden und dem Be- trachter so eine objektive Wirklichkeit und gleichzeitig eine subjektive Erfahrung zu bieten, bei der klassische Elemente mit in- novativen Ideen in Form und Stil ver- schmelzen. Diese beruhen auf dem vielfältigen Einsatz von Stilmitteln. Denn Metzler spielt mit dem Normalem und dem Groteskem sowie mit ausgeprägten For- men. Sein Ansatz ist der nachklassischen Zeit fremd, enthält er doch vor allem Ele- mente des Mittelalters und der primitiven

10 Kunst. Dem kulturellen Erbe von Europa
war er zwar immer eng verbunden, jedoch erkannte er auch die Notwendigkeit, neue Ausdrucksformen für die klassische Kunst zu finden. Entscheidend beeinflusst hatte ihn diesbezüglich seine Reise in die USA im Jahr 1964, als er im Alter von 23 Jahren mit den farbenfrohen, humoristischen, provo- kativen und herausfordernden Motiven der Pop-Art-Szene konfrontiert worden war, die damals die städtischen Gegenden be- herrschte. „Die Pop-Art“, schreibt Roland Barthes 1964 treffend, „erobert die neue Natur: nicht mehr Pflanzen und Lan- dschaften, sondern das Menschliche und Psychologische, um die Natur der Gesel- lschaft, oder besser, der Massengesel- lschaft, adäquat abzubilden.“ Eintauchen in die Pop-Art – Metzler rei- ste zunächst oft zwischen Zürich und New York, später auch zwischen den Steinbrü- chen von Arzo und der Toskana hin und her (eine wahrhafte Reise in den Süden, der Sonne und einem aufregenderen Leben entgegen, aber auch eine Entdec- kungsreise auf den Spuren der Klassik und der Renaissance). Sein künstlerischer Weg motivierte ihn später zur Verwendung auf- fälliger Farben und Materialien. Diese sind jedoch nur ein Vehikel, denn in seiner Kunst geht es vielmehr um die Dialektik, d.h. die (kritische) Konfrontation der euro- päischen Kunst, die sich selbst in ihren in-
novativsten Ansätzen nicht von der Klassik lösen konnte (man denke nur an Brancusi), mit der lebhaften, frechen und innovativen amerikanischen Kunst, die in der Lage war, sich ständig neu zu erfinden. „Jedes Kun- stwerk – schrieb Jim Dan, einer der ersten Pop-Künstler, im Jahr 1963 – ist in Wirkli- chkeit ein kritischer Kommentar über des- sen eigenen Inhalt“.
Auf den Spuren des Dada – Metzler be- wegt sich mit Leichtigkeit auf diesem Spiel- feld und lässt den Dadaismus, der des Zürchers angestammtes Erbe ist, wieder aufleben. Dada sei Dank lernte er, eine ab- solute kreative Freiheit zu entfalten. Diese äussert sich im Gebrauch aller möglichen Materialien und Formen und führt im En- deffekt zu einer neuen Interpretation von Kunst. Metzler gelingt es, zwischen den zahlreichen und teilweise auch gegensät- zlichen innovativen Impulsen Ordnung zu schaffen, indem er in seinem Werk einen Ankerpunkt setzt: die weibliche und män- nliche Figur. Es sind Figuren, die von dem ironischen Charakter des Dadaismus – den auch Metzler selbst ausstrahlt – leben sowie den klassischen Formen entspringen und diese gleichzeitig aber überwinden wollen. Hierin besteht eine Parallele zum unbändigen Drang unserer Zeit nach neuen gesellschaftlichen Modellen. Die Pop-Art und die New Yorker Szene sind die
explosiven Zutaten, die Metzler zum histo- risch richtigen Zeitpunkt in das europäische Wertesystem einfügte, als die Welt dank Fortschritten in der Kommunikation allmä- hlich näher zusammenrückte und die Un- ruhen und Massenbewegungen in den USA bereits auf Europa überschwappten: Die 68er-Bewegung stand vor der Tür. Memoiren der Antike in der Moderne – Und wo war Metzler 1968? In Vira Gam- barogno, wo er an der ersten Ausstellung des Nationalen Bildhauerpreises ein Werk präsentierte, das für Aufsehen und Ge- sprächsstoff sorgte: Gruppo di personaggi in conversazione (Personengruppe im Ge- spräch). Drei in Polyester modellierte Figu- ren, die an Lego und an kurzlebige Darstellungen aus Papier, Gips und Leim erinnern. Doch vermischt mit dem Neuen und der Pop-Art sind Memoiren aus der Antike. Das ist ein ganz neuer Ansatz: weder abstrakt noch figurativ, sondern ein- fach eine gekonnte Vermischung beider Stile. Im Zentrum stehen dabei die Interak- tion und die Begegnung: Die Figuren hal- ten sich an den Händen und sprechen miteinander, während sie in die Höhe stre- ben. Die Idee, soziale Kontakte in der grun- dlegendsten Form über Blicke und Unterhaltungen auszudrücken, findet sich auch in eher konzeptuellen und existen- tiellen Skulpturen wie jenen von Giaco-
metti wieder. Bei Metzler gibt es allerdings immer ein soziales, spielerisches und ironi- sches Element, das er in eine kontempla- tive Komponente einfügt. Während sich seine Figuren nämlich gegenseitig anscha- uen, miteinander sprechen und interagie- ren, wirken sie gleichzeitig auch in sich selbst gekehrt. Daraus ergibt sich eine grundlegende Komplizität zwischen der in- neren und der äusseren Welt sowie ein Kontakt zwischen beiden. Gleichzeitig gibt Metzler seinen Figuren aber ihren eigenen Freiraum und lässt sie voll und ganz zur Geltung kommen. Ihre eindrucksvolle Grösse kommt dabei als räumliches Ele- ment zum Tragen, welches die Rolle und die Position der Figuren unterstreicht, aber auch an urtümliche Strukturen und For- men (Neolithikum, Primitivität, Stone- henge, Dolmen, Menhir) sowie an symbolisch-funktionelle Werke erinnert, wie die Stelen im urbanen Raum in der Re- naissance.
Im Dialog mit dem Raum – Durch das Wechselspiel zwischen dem Abstrakten und Figurativen (je nach Material über- wiegt das eine oder das andere) sowie dem Einbezug verschiedenster Materialien behält Metzler seine verspielte und schal- khafte Ausdrucksweise bei, die eher als Anstoss, die Sachen anders zu betrachten (alternativ), und nicht als Polemik aufzu-
fassen ist – sozusagen eine Anregung zum Nachdenken hinter dem gestalterischen Aspekt. Seine Figuren betrachten sich selbst und stellen durch normale Kommu- nikationsmittel wie Bücher, Zeitungen, Fer- nsehen und elektronische Geräte einen Kontakt mit anderen her. Gleichzeitig haben sie stets etwas Geheimnisvolles an sich, eine Art unerklärliches und unergrün- dliches Innenleben. Dies kommt insbeson- dere in der Serie der Stadtneurotiker zur Geltung, wo die Gestalten dem Stress und der Umtriebigkeit, d.h. den neurotischen Belastungen unserer Zeit, standhalten, ob- wohl sie auch darunter leiden. Sie erzählen ohne Worte, stellen minime Beziehungen zueinander her und pflegen Blickdialoge. Dabei hilft sicherlich auch die Umgebung: Vira, ein schmuckes Dorf am See, das seine geschichtliche Tradition zu bewahren ver- mochte. Gerade dieses Element sucht Met- zler in seiner Kunst. Die Loggia der Pfarrkirche aus dem 17. Jahrhundert steht im Dialog mit den Figuren auf dem Kir- chplatz, aber auch mit dem See, der Lan- dschaft und der Geschichte.
Dalmazio Ambrosioni